Endlich

Sommerzeit! Mir fehlt verdammt nochmal die eine Stunde. Bis ich mich so richtig an den Sommer-Rhythmus gewöhnt habe, ist bestimmt bald Herbst. Wie zu heftig gefeiert, schleiche ich durch Feld und Flur. Voller Bewunderung für meine Hunde, die zu jeder Zeit für einen Gassigang zu haben sind. Die Stimmung verbessert sich kaum, zumal auch das Wetter nicht so richtig überzeugen konnte.

Montag das gleiche Spiel. Die Funkgesteuerte Weckapparatur blinkt unerbittlich. Steigert sich in eine eigendynamische Hysterie aber die verbalen Ergüsse des Radio-Motorrades – äh.. Moderators bringen mich hoch. Ich muß mal schnell nach Bremen. Gleich einem Schlafwandler, absolviere ich noch schnell eine Runde Gassi mit den Tölen. Dann hurtig alles zusammenraffen und los geht´s. Ooops, beinahe hätte ich meinen Perso vergessen. Schnell noch einmal zurück und das gute Stück aus der Sonntags-Kommunalwahl-Jacken-Innentasche gegriffen. Ohne die Ident-Card kein Rückflug. Und das wäre schade. Dann aber wirklich los. Es muß wohl so in Höhe von „Höhlenmusikus“ auf der A1 gewesen sein, als mir in den Sinn kam, ein Tässchen Kaffee könnte nun nicht schaden. Nächste Raststätte und runter vom Highway. Parkplatz – kein Problem! Nix los uff de Gass. Auch die Raststätte war nicht wirklich gut besucht. Es war -glaube  ich- so um 11:00 Uhr. Ein Griff in die Jackentasche und schnell mein allerlängstes Gesicht aufgesetzt. Wie heißt denn Portemonnaie heute ? Und wie schreibt sich das korrekt? Mir ist die Reschdschreiprevorrm plötzlich schietegal. Der gesuchte Wertgegenstand befand sich nicht in der dafür vorgesehenen Tasche. Er befand sich überhaupt nicht. Ich kann nicht sagen, ob es nun kalt oder heiß über den Rücken lief. Jedenfalls war die Erkenntnis da, daß meine Börse heute nicht zur Verfügung stand, ein bitteres Erwachen. Kein Cent inne Tasche, kein Führerschein, Kreditkarte und/oder kein was weiß ich, was man so noch unbedingt im Portmonee mit sich (unverzichtbar) herumschleppt.

Ok. Also keinen Muntermacher. In Bremen angekommen schnell mal den Kunden um 10 Euronen angebettelt – macht immer nen bleibenden Eindruck! Und dann genauestens überlegen, wie ich das neu erworbene Barvermögen am sinnvollsten investiere. Alles was gratis ist, hat was. Nein danke, keinen Wachturm. Und südamerikanische Studenten mit Lama und Panflöte konnte ich auch nicht unterstützen. Wie komme ich zum Flughafen? Straßenbahn war die sinnvollste Lösung für mein 10 Euro-Debakel. Zwei Komma dreißig davon mußte ich für das Ticket investieren. Dann reicht der Rest dann doch für ´ne Fischfrikadelle (angeblich die ALLERBESTE in Bremen) und später doch noch ein Käffchen.

Zeit hatte ich noch genug, um Bremen touristisch zu erkunden. Vom Domshof aus sah ich schon das Rathaus. Davor der Roland. Meine kläglichen Versuche trotz schlechtester Lichtverhältnisse noch ein einigermaßen akzeptabler Foto auf die Speicherkarte zu bekommen, scheiterten. Alles grau in grau mit grau. Grausam. Vielleicht kann man am Computer noch etwas aufpeppen? So setzte ich den Rundgang um´s alte Rathaus fort. Völlig kostenfrei – aber nicht umsonst, wie sich herausstellen sollte. Als ich dann die Stadtmusikanten umrundete, fiel mein Blick in das Innere des Rathauses. Durch die geöffnete Pforte war zu erkennen, daß hier eine Ausstellung platziert war. Kein Bock auf teure Kunstausstellung. Schließlich hat Hessen gestern die Schuldenbremse in die Verfassung aufgenommen. Als Befürworter des engen Sparkurses sollte ich mit den einschneidenden Maßnahmen schon einmal anfangen. Aber neugierig war ich schon – und betrat dann doch die Halle. Eine Unmenge Koffer waren da fein säuberlich aufgereiht.

Links lief ein TV-Gerät mit Interviews, wie es den Anschein hatte. Dann die Hilfestellung und Erleuchtung in Form eines Plakates.

Die liegende Acht (lazy eight) kannte ich noch aus meiner Karriere als Kunstflieger (lol) . Das kam mir alles so UNENDLICH fern vor.

Mit den Kofferinhalten lasse ich die Leser nur doch ´mal für einen Augenblick alleine. Solle sich jeder seine eigenen Gedanken dazu machen.

.

.

.

.

.

(Zum Vergrößern die Fotos anklicken. Weitere Fotos siehe unten.)

Meine Halbwertzeit, kam es urplötzlich über mich, war längst überschritten. Und daß die Sommerzeit endlich ist, wurde mir auch bewußt. Was noch? Bin ich schon im Herbst? Und wann ist schließlich Winter? Ich will es gar nicht wissen. Solche Gedanken schossen nicht nur mir durch den Kopf. Auch die schon etwas reiferen Mädels vom Jahrgang ´36 oder so, hatten eine hitzige Debatte. Gibt es, oder gibt es nicht, das Leben nach dem Leben? Am liebsten glaubte ich ja an die 70 Jungfrauen. Ich würde dann auch 10 Tode sterben müssen, um den dringendsten Bedarf für die nächsten Monate zu decken. Das ist ja nicht ´mal theoretisch möglich. Es lebe die Monogamie.

Aber mal ernsthaft: Eine ganz hervorragende Idee, die hier vom Förderverein der Palliativstation am Klinikum links der Weser entwickelt wurde. 103 Menschen jeden Alters, unterschiedlichster Berufe und Bildung – vom Bestatter bis zum Zimmermann, vom unverzichtbaren Banker bis zum Trauerbegleiter, wurde querbeet durch die Bevölkerung Koffer gepackt und sich Gedanken zur letzten Reise gemacht. Genial!

Und auch ich saß später noch auf dem Flughafen herum um resümierte, daß auch ich ein Verfallsdatum habe. Niemand kennt es. Und das ist auch gut so. Und da waren auch wieder die Panflöten……

Schade, daß ich erst am vorletzten Tag der Ausstellung davon berichten kann. Wer aber die Möglichkeit hat, sollte sich das nicht entgehen lassen.

www.hb28.de/2011-03-Koffer-Austellung-Flyer.pdf