Flugverbot in Europa

Die Aschewolke aus Island

Die Abhängigkeit von der Technik wurde ganz Europa am Freitag, den 16.04.2010 ins Gedächtnis gerufen Die Abhängigkeit der Technik von der Natur war die Initialzündung.

In Island hatte sich der Vulkan Eyjafjallajökull (ich denke, wir einigen uns sprachtechnisch auf „Vulkan“ ) überlegt, er könnte doch ´mal ausbrechen. Mit enormen Druck schleuderte der Schmutzfink tausende Tonnen Asche in die Atmosphäre und sorgte so in der Folge dafür, daß ich 5 Stunden im Speisewagen der Deutschen Bahn verbringen mußte.

Als ich mich am Freitag Morgen auf den Weg nach Leipzig machte, war der Norden Europas und auch schon Norddeutschland von der Aschewolke betroffen, die durch die Westdrift nach Osten recht schnell vorankam. Alle Flüge -so hieß es- seien in Skandinavien gestrichen und die Flughäfen weitgehend geschlossen.

Noch war ich guter Dinge und fuhr munter durch Hessen, Thüringen, Sachsen. Stets die lokalen Radiosender auf Empfang. Mir wurde berichtet, daß die Frankfurter nun auch beabsichtigten, ab 20:00 Uhr für die internationalen Flüge zu schließen. Ha, das reicht ja bequem. Außerdem ist  Leipsch ein Inlandsflug,  gelle – versuchte ich mich selbst zu beruhigen. Um 13:30 war ich beim Kunden und mein persönlicher Spion bei der Lusthansa las mir die Mail aus dem Intranet vor. „Frankfurt closed. “ Alles wird umgeleitet. Halle/Leipzig ist auch dicht. Auch die Flieger von Leipzig! Und nu?

Also erst einmal bringt man mich wunschgemäß zum Airport. Dort wird es dann ja eine Lösung geben. Schaumermal. So voll und belagert hatte ich Leipzig noch nie gesehen! Und ich bin sehr oft dort. Die Meilenlange Empfangshalle über dem Bahnhof war belagert. Zunächst dachte ich an ein Treffen der Fischer-Chöre. Geschätzt lungerten da etwa 15.00 Lebensjahre herum und erwarteten ein Wunder. Stolz, wer einen der wenigen Sitzplätze ergattern konnte. Die Rentnerband zählte knapp 200 Köpfe. Die Herrschaften wollten ihre Rente in Süd-Amerika auf den Kopf hauen. Alle waren total relaxt und harrten der Dinge.

Die Situation war für mich mit einem Blick auf die Anzeigetafel (Auf eine Tafel passen die Abflüge von fast zwei Tagen, so hektisch ist das hier) genügte mir um zu erkennen, die Situation ist aussichtslos. Nix wie runter zum Bahnhof. Auskunftsroboter sagte, daß ich in drei Minuten in einen Zug einsteigen sollte, der mich nach Leipzig-Hauptbahnhof bringen wird. Zahlung vorausgesetzt. Der Schreck war groß, als sich der stählerne Koloss beharrlich weigerte die 3 Euro und.. als Bargeld anzunehmen, mit dem ich ihn zu füttern gedachte. Es mangelte an einer geeignete Öffnung, die Penunse zu entrichten. Der Zug kam und hielt quietschend hinter mir. Die Stimmung stieg. und die Nervosität auch. Also Kreditkarte auspacken und einführen. Warten…. Keine gültige Karte! Verdammt, sicher verkehrt herum reingesteckt. Karte drehen und neuer Versuch. Warten….. Wieder kam die Meldung, die Karte sei nicht akzeptabel. Verstehe ich nicht. Meine gesamten Online-Buchungen bezahle ich mit der Karte. Insbesondere bei der DB. Und diese vermaledeite Blechkiste mag sie nicht? Der Zug setzte sich langsam in Bewegung. Etwas schneller als der Zug stieg meine Stimmung. Jetzt kamen die EC-Karten dran. Ich war so genervt, daß ich die Pins der Karte wohl kräftig durchgemischt habe. Der Puls raste. Früher half ein kräftiger Tritt gegen solche Kisten, dann ging´s. Ha, sollte ich mich auf das Niveau einer Rechenmaschine herabziehen lassen? Niemals!

Anderer Automat, neues Glück. Da flatterte ein großes Schild am Automaten im lauen Wind der letzten Zuges: „Defekt“ , bitte zahlen Sie beim Zugpersonal“ Muß ich irgend etwas zur Stimmung sagen?

Der nächste Zug kam, ich bezahlte nur bis Leipzig, weil es „nur“ eine regionale Gesellschaft war. In Leipzig dann also raus und sofort 4 Gleise weiter sollte ein ICE nach Frankfurt abgehen. Ein sehr gewichtiger Offizieller wußte: „Neee das schaffen se nisch mähr. Der kommt gleich rein.“ (Ich wollte eine Fahrkarte kaufen. Das Reisezentrum war unerreichbar in der verbleibenden Zeit) “ Sie können aber im Zug lösen – das kostet dann 10 Prozente mehr!“ Also warten  auf ICE. Bald schon kreischten die Bremsen auf der gleichen Frequenz, wie mein geliebter Tinnitus. Nur erheblich lauter. „Tinni“ fühlte sich sofort angesprochen und versuchte mit mehr Druck die Oberhand zu gewinnen. Das gelang. Mir wurde nun ständig was gepfiffen. Die Überlegungen zur Taktik waren trotzdem erfolgreich. Um jeglichem Gerangel um Sitzplätze, was ohne Zweifel einsetzen würde, aus dem Wege zu gehen, stieg ich ohne Umwege in den Speisewagen ein und war überrascht, wie einfach das war. Etliche Tische mit je 6 Plätzen waren frei. Den ersten nahm ich dann auch gleich in Beschlag und legte ab. Der ICE setzte sich schon in Bewegung, als ich gerade versuchte meine Sitzposition zu optimieren. Das war gar nicht so einfach. Ein Brett für den Sitz, ein Brett für den Rücken, etwas Schaumgummierten Kunstlederbezug drüber, fertig.

Ich zückte mein Buch und las so vor mich hin, als der Kellner ( oder wie heißen die Leute bei der DB?) nach meinen Wünschen fragte. Es war fast Drei Uhr ( 15:00) und der kleine Hunger meldete sich. Eine köstliche Gemüse-Suppe war auf der Platzunterlage abgebildet. Die wollte ich haben. Und ein „Spezi“ , damit ich nicht einschlafe. „Spezi hammer nisch“ . Für Vodka war es eindeutig zu früh, obwohl ich sicher beim Ober einige Pluspunkte damit erreicht hätte. Wir einigten uns auf eine simple Cola. So einfach war das dann aber doch nicht. „200 oder 300 ml? Flasche oder gezapft?“ Hmm, schwere Entscheidung. „300 gezapft, bitte!“ Das ging nicht:“ 300 sind in der Flasche und nur die 200 werden gezapft.“ Mir war das jetzt egal geworden. Bringe er doch was am schnellsten geht. Ich hatte Durst.

Die Flasche Pep.. Cola ging rasend schnell. Es waren ja auch nur 7 Gäste zu sehen. Nach 5-6 Minuten brachte er die Brause und ich muß sehr fragend geschaut haben, weil er sich gleich entschuldigte, daß er erst ein Glas spülen mußte, weil die Spülmaschine ausgefallen war. Egal, das erste Glas verdunstete auf dem Weg durch die Speiseröhre. Mein Buch beschäftigte mich gerade 5 Minuten, als auch das Süppchen geliefert wurde. Ich verglich die Tasse mit dem Foto und stellte fest, daß die Optik leicht differierte. Auch muss bei der Aufnahme für die Platzdeckchen irgend etwas schief gegangen sein. Ich vermute, der Fotograf hatte das Weitwinkelobjektiv benutzt. Der räumliche Eindruck der fotografierten Tasse war kaum zu übertreffen. Noch erging ich mich in der Bewunderung des Fotografen und sann ich über die technischen Möglichkeiten der Fotografie nach, als Jonny Controletti die Fahrausweise sehen wollte. Der ergatterte Sitzplatz, das prickelnde Cola, die Inspiartion der Gemüsesuppe hatten meine Stimmung sehr positiv beeinflusst. Auch mein Tinni hatte sich wieder eingekrigt und pfoff nur mit bekannter Lautstärke sein immer gleiches Lied.

„Die Fahrtausweise bitte“ wurde ich nun auch persönlich aufgefordert.

„Ich kaufe zwei „E“ und zwei „I“ – dann möchte ich lösen“. Ich schaute in ein riesiges Fragezeichen. Das war sicher vor seiner Zeit und außerdem verbotenes Westfernsehen, dachte ich mir und verzichtete auf Erklärungen. „einmal nach Dreieich, bitte. Und möglichst möchte ich mit Bargeld bezahlen. Problemlos! Ich konnte mich wieder meinem Buch widmen.

Beim nächsten Halt war es mit der Ruhe vorbei. Der Zug muß rappelvoll gewesen sein. Der Menschenstrom, der sich kurz nach der Abfahrt durch den Speisewagen quälte wollte nicht abreißen. Von links nach rechts und wieder zurück. Ständig. Es dauerte auch nicht lange, bis ich Tischnachbarn hatte. Zwei Damen schnatterten gegenseitig auf einander ein. Wer gewonnen hatte, habe ich nicht verfolgt. Die tollen neuen Kopfhörer und das Radio, sowie MP3-Player im Handy, die ich alsbald aus meinem Aktenkoffer holte, übertrafen sogar Tinni.

„Herr Ober, bitte einen Cappuccino“!

Nachdem gespült war, erhielt ich meine Bestellung. War ganz gut, der Schaum schön stabil, so daß der Zucker recht lange brauchte, in die Brühe hinabzurutschen.

Mein Buch war spannend und so vergingen die Stunden. In Fulda – mir wollte partout keine Sitzposition mehr einfallen, die dem malträtierten Kreuz etwas Entlastung bringen bringen könnte, durfte ich die Kopfhörer wieder abnehmen. Die Mädels räumten das Feld. Der Platz war begehrt. Eine recht „griffige“ junge Frau fragte ob denn frei wäre. – Was ich ? Nein, Gott bewahre. Ich hatte Angst. Ach soooo, der Platz mir gegenüber! Ich versuchte ein Lächeln, „ja gerne“  – und dachte weiter “ wenn du reinpasst…“  . Erstaunlich sanft lies sie ihre drei Zentnerchen auf der Bank nieder . Und als sich der Wagen nicht überschlug, atmete ich wieder aus!  „Tinni, gib Ruhe! “

Noch eine Stunde bis Frankfurt. Die Erlösung nahte.

Also wenn Eyjafjallajökull gewußt hätte, was er mir an diesem schwarzen Freitag antat, er hätte sich das mit der Aschewolke bestimmt noch einmal überlegt.