Whiteout

Genug vom Schnee. Ich brauche mal was GRÜNES.

Opa, wie alt bist´n du?

Mit Enkeln spielen und spazieren zu gehen ist eine feine Sache. Ich kann es deutlich mehr genießen und verinnerlichen, als das bei den eigenen Kindern der Fall gewesen wäre. Ständig wird man in die -teilweise doch verpasste- Zeit mit den zwei eigenen Kindern zurückgeholt. Und die Enkel erledigen das nebenbei, völlig selbstlos, gratis und mit absoluter Bravour. Selbst Erinnerungen an die eigene Kindheit ziehen vor dem geistigen Auge wieder auf. Aber nur kurz, denn solche Pausen währen nie besonders lange.

Ich genieße sehr den Unterschied zwischen Vater sein und dem absoluten Weichmacher-Status OPA. Wenn die Windel voll ist, werden die lieben Kleinen einfach zurückgegeben. Bei den älteren Ausführungen wird der Großvater schon mal mit Fragen eingedeckt. Insbesondere, so scheint mir, kommen heute Spaziergänge in der Natur doch etwas kurz. Das spürt man nicht nur an den Fragen. Insgesamt ist es für die #1, #2, #3 und Elias oft eine richtige  Herausforderung, wenn anstelle eines Joysticks oder Touchscreens plötzlich Beine und Füße bewegt werden. Nicht nur um den Kühlschrank zu plündern oder sich vom Fernseher zum PC zu wechseln. Die Kondition ist damit auch nicht sonderlich ausgeprägt. Ermüdungserscheinungen nach ein paar hundert Metern sind normal, werden aber ignoriert. Die Aufmerksamkeit gilt eher dem momentanen, exotischen Erlebnis. Es ist ja so aufregend dem Bauer beim Pflügen mit dem riesigen Schlepper zuzusehen, Pilze gibt es auch ohne Glas oder Blechbüchse drumherum, Schafe stinken, Pferde wiehern, den hessischen Ilwetritsch haben wir vergebens gesucht und die stibitzten Kirschen schmecken deutlich besser, als die von Al~dl.

Und Opa weiß natürlich zu allem etwas zu sagen. Ich genieße es, die kindlichen Fragen ohne Zögern beantworten zu können. Mit der pubertierenden #1 ist es deutlich schwieriger. Die will schon mal wissen, wieviel PS mein Moped hat – oder so. Nummero drei mußte mir unausweichlich dann die ultimative und stimmungskillende Frage stellen:

„Opa, wie alt bist du denn?“

„Hmmm… laß mich nachdenken…. Als ich geboren wurde gab´s jedenfalls noch keine Handys oder Ei-Potts. Niemand wußte was ein Transistorradio war. Barbie ist zwar auch schon im reifen Alter, aber trotzdem gab es sie erst viel später. Benzin kostete damals ungefähr 30 €-Cent! Mikrowellengerät und die Verkehrssünderdatei gab es auch noch nicht. Auf so manche Erfindung hätte man schon damals sicher verzichten können. Andere haben gar nicht bis heute durchgehalten und sind längst vergessene Historie. Interessant aber auch, was sich so im Laufe der Jahrzehnte gehalten hat und den Weg durch das Dickicht des Lebens gemeistert hat. Als Wichtigstes wäre da sicher der Mini-Rock und folgerichtig die Wegwerfwindel.

Hmmm… also – Ich bin so alt wie die Curry-Wurst!“

„So alte C-Würste gibt´s doch gar nicht!“

„Ich meine ja auch nur, daß die Curry-Wurst damals erfunden wurde. Und fragt mich bitte nicht ob es in Berlin oder Hamburg die Bessere gibt. Ich bin auch so alt, wie der erste Fotokopierer. Deutschland ist auch so alt wie ich. Oder ist es umgekehrt? Ich wurde damals vom ersten Bundeskanzler der Bundesrepublik regiert. Adenauer hieß der gute Mann. Der besaß damals noch keinen elektronischen Rechner mit Programmspeicher. Den gab es nämlich erst ein Jahr später. Und der war unerschwinglich. Farbfernsehen, Zebrastreifen, Parkuhren, Mondraketen, Kosmonauten und Astronauten, Spülmaschinen, Sprühschlagsahne und die erste Solarzelle gab es schon, als ich in die Schule kam. Der fast vergessene Wankelmotor lief auch schon das erste mal, kurz vor meinem ersten Schultag.

Und dann kam es aber Schlag auf Schlag. Ja in der Schule wurde damals noch geschlagen. Nein, nicht wie heute, wo die Lehrer von den Schülern verdroschen werden. Das war damals genau umgekehrt! Einmal kurz im Unterricht herumgealbert: Handflächen her und mit dem Holzlineal drauf… Patsch oder klatsch machte es andauernd. Natürlich nicht bei mir!“

Ungläubiges Staunen. Ich sehe, wie die Hirnwindungen sich abrackern.

„Opa, so alt bist du? Und was haben die Ritter damals gemacht?“